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Die Leidenschaft zum Wandern

ChristlMistl | 19. Mai 2016 | / / |

Das Wandern, eine Leidenschaft, die auch Leiden schafft. Als Kind als Abenteuer wahrgenommen, als Teenager verteufelt und erst in den letzten Jahren von Ausflug zu Ausflug immer mehr lieben gelernt. 

Am ersten Tag bist du noch vollkommen euphorisiert, der Urlaub hat begonnen und du kannst gar nicht erwarten, den ersten Berg zu erklimmen. Doch spätestens auf dem Weg nach oben kommst du wieder auf den Boden der Realität an. Dank fehlendem Training bist du manchmal der Verzweiflung nahe, stellst dir die Fragen "Warum tue ich mir so etwas freiwillig an?", "Warum nenne ich das noch einmal Urlaub?" und "Wieso mache ich diese Qual jedes Jahr von Neuem mit?".  Wenn du dann mit schweren Beinen, erhöhten Puls und Schnappatmung endlich dein Ziel erreicht hast, dann ist das Leid wie weggewischt - der Ausblick, die geballte Gewalt der Natur nehmen dich sofort ein, lassen dich Nichtigkeiten vergessen. Bis der Abstieg kommt und du dabei schon das langsam aufkommende Ziehen in deinen Waden spürst und dich fragst, ob du dich morgen überhaupt noch bewegen kannst und ob es zum Abendbrot Schnitzel gibt. Denn du hast Kohldampf, mächtigen Kohldampf!

Am zweiten Tag kommst du schwer aus dem Bett, deine Gliedmaßen sind steif, schmerzen und müssen erst einmal in Wohlfühllatschen beim Gang zum Frühstücksbüffet wieder "wach" gelaufen werden. Du weißt, dass das gestern Meckern auf hohem Niveau war und heute wesentlich schlimmer wird. Du steckst jetzt voll in der Akklimatisierungsphase. Der erste Anstieg ist schon schweißtreibend, aber irgendwas lässt dich einfach nicht aufgeben, lässt dich einfach immer weitergehen - auch wenn es sich noch so hart anfühlt, die Beine so verdammt schwer sind und du hechelst wie ein Asthmapatient. Hinzu kommt der ständige Hunger, der dank mitgeschlepptem Care-Paket aber gut zu stillen ist. Aber wenn du dann wieder oben bist, dann ist wie immer alles in Ordnung. Es stellt sich eine innere Stille ein, Zufriedenheit, Dankbarkeit. Es ist schon manchmal komisch, wie schnell sich alles ändern kann.

Der dritte Tag läuft unterschiedlich ab. Entweder man entschleunigt an diesem Tag und gönnt den Beinen ein wenig Ruhe bzw. Abwechslung mit beispielsweise einer Radtour oder man merkt, dass man langsam in Form kommt und einem der Anstieg leichter fällt oder man hat an diesem Tag seinen absoluten Tiefpunkt. Lass es dazu noch regnen und das Disaster ist perfekt! Du setzt nur noch Tippelschritte, schleppst dich lustlos auf den Berg hinauf, hast so richtig schlechte Laune und wehe dich spricht oder guckt einer an. Aber auch solche Tage muss es geben. Am Ende des Urlaubs macht man schon längst Witze darüber und lacht über die Fotos, bei denen man meinen könnte, dass deine Blicke töten könnten. Aber wenn du dieses Tal durchritten hast, ja dann...!


Ja, dann kommt der vierte Tag! Und du bist fit wie ein Turnschuh. Anstiege machen dir keine Angst mehr. Du willst mehr, verdammt nochmal mehr! Mehr Strecke, mehr Laufen, mehr Herausforderungen, mehr Urlaubstage. Du überlegst, ob du aus deinen 7 Tagen Wanderurlaub nicht noch 8 machen könntest, weil du einfach nicht genug kriegen kannst und es doch noch so viel zu entdecken gibt. Du bist drin. Kannst von Anfang bis Ende genießen - nicht nur den Ausblick, sondern auch den Weg dahin, das Drumherum. Du genießt das Laufen, wie sich dein Körper dabei anfühlt. Du bist voller Tatendrang, machst Hügel-Wettläufe und gerätst dabei nicht einmal außer Puste. Du hast auf einmal Gehör für deine Umwelt und merkst, wie wunderbar still es doch sein kann, dass manchmal noch nicht einmal ein Vöglein zwitschert. Wie schön es sein kann, auf deinem Weg anderen Wanderern zu begegnen, sich mit ihnen auszutauschen, denn hier grüßt sich jeder, Freundlichkeit und Offenheit sind die obersten Gebote. Du wunderst dich, warum es im Alltag nicht auch immer so laufen könnte. 

Ab dem vierten Tag weißt du wieder, warum du dir die Qualen der ersten Tage verdammt nochmal antust, warum du das Urlaub nennst und warum du es so immer und immer wieder machen würdest. Es ist wie eine Sucht. Selbst die Qualen, der Schmerz gehören irgendwie dazu. Am Ende des Tages ist es immer ein gutes Gefühl - man weiß definitiv genau, was man getan hat. Du hast dich vollkommen verausgabt, warst vollkommen frei von alltäglichen Zwängen und nichtigen Problemen, warst vollkommen in der Natur und weit weg von der Zivilisation. Zudem ist es jedes Mal aufs Neue ein faszinierendes Gefühl, wie schnell sich der Körper doch den Umständen anpassen kann, wie schnell er fit wird und sich umstellt - man muss halt nur einmal das Tal durchschritten haben. 

Die nächsten Tage lernst du die Abgeschiedenheit zu schätzen, die Ruhe, die Natur, den Ausblick, die körperliche Arbeit. Du lernst zu begreifen, wie wunderbar diese Welt ist - wie klein der einzelne Mensch doch ist, aber als geballte Menschheit doch so grausam zu dieser ist und wie schützenswert unsere Natur doch ist! Du lernst mehr Respekt zu haben, einen bewussteren Blick zu entwickeln und deine Lebensweise zu überdenken.

Wandern ist eine Leidenschaft, die manchmal auch echte Leiden schafft. Aber trotz der vielen Bewegung und der Anstrengung - am Ende des Urlaubes fühle ich mich so erholt wie eh und je. Und kaum bin ich zu Hause, will ich einfach nur zurück!


P.S.: Dieser Bericht beruht auf meine Wandererfahrungen in der Sächsischen Schweiz und unvernünftig wie ich bin, gehe ich es jedes Mal vollkommen untrainiert an.

Kommentare :

  1. Ein sehr schön geschriebener Blogpost!
    So richtig wandern war ich leider noch nie, aber ich laufe und spaziere sehr gerne. Vielleicht sollte ich mein Freund mal zu einem Wanderurlaub überreden! :)

    Ganz liebe Grüße!
    Inga
    von https://ingaslifestyleblog.wordpress.com/

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    1. Danke dir. Also ich kann es nur empfehlen :)

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  2. Ich gehe gerne Wandern. Immerhin wohne ich direkt an den Alpen. ;) Allerdings war ich noch nie mehrere Tage hintereinander unterwegs... ich denke das ist noch mal eine ganz andere Erfahrung und geht auch noch mal ganz anders auf die Kondition. ;)

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    1. In die Alpen würde ich ja auch gerne einmal!

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  3. Ich habe das Wandern als Kind und Jugendliche absolut gehasst und war dann als Erwachsene auch nie besonders davon angetan - bis ich mich jetzt in meinem Kuba-Urlaub plötzlich total verliebt habe. :) Irgendwie habe ich schlagartig einfach gut dabei gefühlt, so in die Natur einzutauchen, zu schweigen, lauschen und den Körper zu spüren. Und jetzt? Will ich definitiv mal einen längeren Wanderurlaub abgehen.

    Wunderschön geschriebener Post, liebe Chrissie. Ich freue mich so, dass du wieder bloggst und deine Ideen für dein neues Projekt klingen spannend! :)

    Liebst,
    Sara

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    1. Danke dir! Schön zu hören, dass dir der Neustart gefällt. <3

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