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Kolumne: Ich studiere BWL und ...

ChristlMistl | 21. Mai 2017 | |
"Und, was studierst du? Biologie oder so bei den ganzen Pflanzen auf deinem Balkon?" - "Nein, BWL" - "Oh, so viel Theorie ... also das, was alle studieren, ne?" Das ist jetzt einige Tage her und ich hätte mal darauf "Oh, so viel Klischee ... also das, was alle sagen, ne?" erwidern sollen. Habe ich aber leider nicht, sondern bin einmal wieder in Rechtfertigungen ausgewichen, die das Klischee abmildern sollten. "Ja, aber ich beschäftige mich viel mit nachhaltigem Konsum bis hin zum Antikonsum. Ich könnte mir vorstellen, im Non-Profit-Bereich oder weiter in Forschung und Lehre zu arbeiten. Du siehst, BWL kann auch in die ganz andere Richtung gehen." Und wieder einmal hasste ich mich dafür. Dafür, dass ich weich wurde. Dass ich mal wieder anfing, mich zu rechtfertigen. Dass ich mich mal wieder von dem ganzen Klischee-Mist angegriffen gefühlt habe. Dass ich nicht schlagfertiger zurückgefeuert habe. Dass ich überhaupt immer wieder darauf eingehen muss. 

Denn es ist doch so:
Die meisten wollen einem dann das Klischee eines unsympathischen, geld- und karrieregeilen Machtmenschen, der das nur studiert, weil er A) den Betrieb von Papi übernehmen soll, B) nicht weiß, was er studieren sollte und/oder C) sein Abi ja so schlecht war, aufdrücken. Aber am Ende sind die Unsympathen doch diejenigen, die versuchen dir diesen Stempel aufzudrängen, nicht offen für einen Gegenentwurf zu ihren stereotypen Ansichten sind und weiterhin engstirnig sowie abwertend durch die Gegend rennen. Und das alles, weil man BWL studiert. Vielen Dank auch!

So kam es schon des Öfteren vor, dass man sich eine ganze Weile richtig gut unterhalten hatte, sich verstand und sich mochte. Dann kam die berüchtigte "Was studierst du?"-Frage, worauf einige sogar schon mit einem anderen Studiengang antworten, um nicht immer wieder den gleichen Bandsalat hören zu müssen. Tja, und dann: ein "Oh...", abwertender Blick, kalte Schulter, betretendes Schweigen. Auf einmal bist du für die nicht mehr freundlich, nett, offen. Auf einmal bist du ein rotes Tuch. Oftmals verfalle ich dann wieder in abmildernde Erklärungen, die dem Ganzen den Wind aus den Segeln nehmen. Dann bist du für sie die Ausnahme von der Regel, obwohl in Wirklichkeit ihre Klischees es sind. Ganz ehrlich? Oftmals denke ich, ich sollte es einfach lassen und gehen. 

Nach mehr als fünf Jahren muss ich mir den Scheiß doch eigentlich echt nicht mehr geben. Eigentlich. Und immer wieder höre ich mich dann doch sagen: "Wusstest du, dass es damals als ich anfing, einen Numerus clausus von 1,6 (ohne Nachrückverfahren) gab? Dass das mit dem schlechten Abi also nicht so ganz stimmen kann?" oder "Mir ist noch nicht einer begegnet, der das nur studiert, weil Papi einen Betrieb hat. Im Gegenteil ich kenne eher einige, die schon ihr eigenes Geschäft/Unternehmen gegründet haben." Stattdessen würde, sollte, möchte ich eigentlich auch einmal sagen können: "Ich studiere BWL aus Überzeugung, weil es mir Spaß macht und es ist mir jetzt egal, was du darüber denkst."

Ich verstehe zum Beispiel bis heute nicht, was daran so schlimm sein soll, wenn man mit 19 Jahren - jung und unerfahren, wie man ist - noch nicht fest weiß, in welche berufliche Richtung sein Leben verlaufen soll. Aber ich wollte mich damals auch noch nicht in festen Bahnen wissen und habe mich bewusst für diesen Studiengang entschieden. Warum? Weil mir das Grundstudium einen großen, vielfältigen Einblick in verschiedene Berufszweige geben konnte und ich somit mich, meine Stärken und meine Vorlieben finden konnte. Ich konnte mit diesem Studium erst einmal wirklich lernen, wer ich bin, wo ich hin möchte und was mir wirklich liegt. Denn BWL besteht nicht nur daraus, wie ich rasch zu einem karrieregetriebenen Manager werden kann, sondern aus vielem mehr. Denn BWL ist richtig bunt, was viele aber leider nicht wissen oder wahrhaben wollen. 

In Buchführung, Jahresabschluss und (internationale) Konzernrechnungslegung habe ich zum Beispiel gelernt, wie ich bilanziere und konsolidiere. In Corporate Governance habe ich gelernt, dass ich Wirtschaftsprüfung ziemlich doof und langweilig finde, genauso wie Corporate Finance (Finanzierung & Investition). In Public Management wurde mir bewusst, dass man mit BWL nicht nur in die wirtschaftliche Richtung gehen muss, sondern seinen Weg auch als öffentlich Angestellter/Beamter gehen kann und dass gerade öffentliche/staatliche Institutionen doch noch etwas anders zu führen sind. Ich habe mich durch Privatrecht gequält und öffentliches Recht geliebt. Ich fand meine Freude an VWL-Vorlesungen und lernte einiges über Medienrecht und -management. Ich lernte, dass "Führung, Organisation und Personal" sehr viel mit psychologischen Konzepten und Prozessen zu tun hat, was mega spannend war und ich dennoch kein Personaler werden möchte. Denn in der Theorie und Forschung finde ich es alles zwar sehr interessant, die Praxis sieht ja dann doch ziemlich anders aus. Wir analysierten für eine Kultureinrichtung ihren Internetauftritt und erstellten dafür Umfragebögen, werteten diese umfangreich aus und gaben Handlungsempfehlungen. Das Schöne dabei waren die entspannten Leute, mit denen wir zu tun hatten und natürlich vergünstigte Theaterbesuche in dieser Zeit. Für Entrepreneurship haben wir ein neues Produkt erfunden und die Vermarktungsstrategie geplant. 

Ich habe gleich zu Anfang gelernt, dass Marketing viel mehr als nur Werbung ist. So fand ich meine Freude im Konsumentenverhalten (vor allem dem nachhaltigen), der Marktforschung, dem strategischen und dem Non-Profit-Marketing, vor allem was das Fundraising und Spendenwesen anbelangt. Was ich aber vor allem gelernt habe, ist, dass ich die Forschung und Lehre sehr mag und somit auch das theoretische und empirische Arbeiten. Ich recherchiere gerne zu Themen, wie Genügsamkeit, Voluntary Simplicity, Antikonsum, etc. und da wären wir wieder bei der Marktforschung und dem Konsumentenverhalten. Ich betreue gerne Studenten. Ich habe Faktorenanalysen, Korrelationen und Regressionen durchgeführt, um aus einem großen Datensatz zu erfahren, wie sich z. B. Vertrauen, demografische Variablen oder Empowerment auf Antikonsumeinstellungen und das Wohlbefinden/die Lebenszufriedenheit auswirken. 

Kurz gesagt: Nach einem BWL-Studium kannst du so unglaublich viele Wege einschlagen, ob du nun als Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer, Top-Manager, öffentlich Angestellter, Personaler, Banker, im Kultur-, PR-, Non-Profit-Bereich, in der Lehre oder in der Forschung (usw.) arbeiten möchtest, dir steht so ziemlich jede Tür offen. Das Studium hilft dir dabei, den Fachbereich zu finden, der zu dir passt. Und das ist das, was ich an BWL so mag und liebe - jeder, aber auch wirklich jeder kann hier seine Nische finden. 

Ich hätte mit meinem Abi Medizin oder Psychologie studieren können, wollte ich aber nicht. Ich habe mich für meine Abinote nie aus dem Grund angestrengt, dass ich einen Studiengang mit einem krass hohen NC und Ansehen besuchen darf, sondern dass ich die Möglichkeit habe, aus der ganzen Bandbreite an Studiengängen wählen zu können, ohne dabei Angst haben zu müssen, für etwas, dass ich wirklich möchte, abgelehnt zu werden. Nach vielem Informieren entschied ich mich damals für BWL. Die Entscheidung bereue ich bis heute nicht. Ganz im Gegenteil: Ich bin glücklich, dass es so ist, wie es ist. Und es ist verdammt noch einmal Zeit, dass ich das auch nach außen trage!

Kommentare :

  1. Eine Freundin hat sogar nicht BWL studiert (obwohl ihr die Thematik immer lag/interessiert hat und sie's dann im Nebenfach genommen hat; mit wesentlich besseren Noten als bei ihrem Hauptfach...) nur weil alle immer sagen "Das studiert doch jeder". Echt traurig! Aber da selbst ihre Eltern dieser Meinung waren, hat sie sich nie getraut da auszubrechen...

    Generell finde ich es bekloppt, wenn man ständig mit solchen Klischees kämpfen muss. Sich erklären oder rechtfertigen muss. Das kenne ich selbst eben aus meinem Bereich auch.

    Übrigens hatte ich auch ein sehr gutes Abi und musste mir das mit Medizin (oder Jura... das war bei mir immer das zweite Fach was genannt wurde; dabei braucht man da gar keinen NC) auch immer anhören. Am schlimmsten war, dass überhaupt niemand (bis auf meine Eltern) Verständnis dafür hatte, dass ich mit dem Abi was kreatives machen möchte...

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  2. Chrissie, BWL ist toll - du musst dich nicht rechtfertigen :D Aber ich kenne das Problem nur allzu gut. Dabei ist das Grundwissen, dass eigentlich jeder besitzen sollte! :)

    Liebe Grüße aus Shanghai
    Laury

    laury-loves.blogspot.com

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